Szene Europa: Die besondere Qualität der Französischen Festivals – Beispiel Afijma mit Grenoble und Le Mans 
Einige hundert Festivals zählt die französische Jazzszene und vor allem die 30 Festivals, die sich zu Afijma (Associations des Festivals Innovants en Jazz et Musique Actuelles) zusammengeschlossen haben, zeigen eine außerordentliche Qualität, die allein die Frage von Stuart Nicholson sehr eindeutig beantworten: Jazz ist nicht tot, sondern zu einer neuen Adresse gezogen, nach Europa und insbesondere nach Frankreich.
Wie sehr der Jazz in Frankreich angekommen ist, zeigen die vielen funktionierenden Netzwerke, die wie alle anderen Kulturbranchen auch staatliche Förderung bekommen. Und spricht man mit den Festivalmachern, fällt eines auf: Sie denken nicht nur an ihr jeweiliges Programm und Budgets, sie kümmern sich um Projekte, um Musiker, die sie fördern. Ein Vorgang, den man in Deutschland zum Beispiel selten antrifft. Und sie schuen über die Grenzen, kooperieren mit Italien, Belgien, der Schweiz und neuerdings oder endlich mit Deutschland, d.h. mit dem Rheinland, d.h. dem Verein Jazz am Rhein e.V..
Die Afijma Festivals, die sich mit großen Programmen und ohne die schmerzenden Verbeugungen zur ausschließlich sog. populären Seite dieser Musik beschäftigen, haben einen Qualitätsstandard erreicht, der in dieser großen Zahl und Stringenz seinsgleichen auch in Europa sucht. Und die Besucherzahlen zeigen, dass es kein Problem sein muss, aktuelle Musikformen zu präsentieren. Man kann davon lernen, wenn man erreichen will, dass der Jazz zu einem unverzichtbaren und gleichberechtigten Bestandteil des Kulturlebens wird.
Von der Normandie und Bretagne über die Loire und Burgund, zum Beispiel auch in der Kellerei Pommery, geht es quer durch das Land bis an das Mittelmeer und zu den Pyrenäen.
Das Grenoble Jazz Festival fand im Schatten der noch schneebedeckten Berge im März an 18 Tagen zum 37. Mal statt, beschäftigte sich mit der lokalen Szene, der regionalen wie der nationalen. Namen wie Francois Raulin, Laurent Dehors, Andy Emler, Francois Thuillier, Manu Codjia, Mederic Collignon, Damiel Humair, Francois Carneloup oder Louis Sclavis kamen mit oft neuen Projekten. Der Sänger Erik Marchand präsentierte Highlights bretonischer Musik, der Kontrabassist Michel Benita begab sich in die Zone zwischen Jazz und Folk oder das junge Trio Ryr spielte frei improvisiert mit dem Klang. Immer zu hören in Grenoble sind Musiker aus den benachbarten europäischen Ländern, aus der Schweiz und Italien, so das Duo Erik Truffaz/Malcolm Braff, das Trio DAKRYON mit Pierre Favre, Maya Homburger und Barry Guy, das Elina Duni Quartet mit Collin Vallon oder das Francesco Bearzatti Tinissima Quartet. Andere europäische Länder waren mit Christian Muthspiel, zu dessen österreichischen Trio aber auch der französische Vibraphonist Franck Tortiller gehörte oder dem Zapp String Quartet aus den Niederlanden zu Gast. Und ganz ohne Amerikaner ging es nicht, bei so viel europäischem Glanz auch kein Problem, sondern eine konzeptionell gelungene Abrundung.
Ungefähr sechs Wochen später konnte man ein paar hundert Kilometer nordwestlich in Le Mans, der Stadt zwischen Paris und der Loire, berühmt durch seine Geschichte, eine der schönsten Kathedralen Frankreichs und das berühmte Autorennen den Höhe- und Schlusspunkt des Europa Jazz Festivals erleben, das seinen 30. Geburtstag feierte. Nach einem Brad Mehldau Konzert Anfang April begann der Hauptteil mit einem Konzert für die jungen Hörer mit dem Projekt „Agua viva“ von Rafy Rafael. Quer durch die Stadt bewegte sich das Programm der ersten Woche, u.a. mit Erik Truffaz in der 6. Nacht des Electrojazz, einem Konzert auf einem der schönen Plätze mitten in der Stadt, dann dem Michel Portal/Vincent Coutrois Duo oder Richard Gaillano.
Die letzte Woche verteilte das Programm jeden Tag an drei Orte: mittags ein Bass Solo Konzert in einer stimmungsvollen kleinen Kapelle am Rande des auf einem Berg über der Stadt gelegenen Altstadt, Saint-Pierre-La-Cour: Furio di Castri, Peter Jacquemin, Barre Phiilps und zum Abschluss und Höhepunkt Barry Guy mit seinem hinreißend virtuosen Soloprogramm.
Nachmittags um 17 Uhr gaben sich die Pianisten ein Stelldichein, in einem Kulturzentrum auf dem anderen Ufer der Sarthe, und zwar Antonello Salis, Keith Tippett, Marilyn Crispell und Dave Burrell.
Abends dann das Hauptprogramm in der Abbaye de L’Epau, außerhalb der Stadt, einem Kloster, das im 12. Jahrhundert die Witwe des Königs Richard Löwenherz gegründet hatte, der zwar englischer König war, aber aus der nordfranzösischen Region stammte.
Wenn man die Liste der Bands: Simon Goubert/Sophia Domanchich Duo, Rudresh Mahanthappa/Vijay Iyer Duo, Daniel Humair/Francois Coutourier/Jean-Paul Celea Trio, Didier Lavallet/Jean-Charles Richard/Ramon Lopez, Louis Moholo/Keith Tippett/Juie Tippetts „Viva le Blck“ MINAFRIC Orchestra, Joelle Leandre Stone Quartet, Louis Sclavis Qintet „Lost on the way“ und viele mehr liest, bekommt man einen Eindruck, warum dieses Festival zu den begehrtesten in Frankreich zählt. Das Emile Parisien Quartet, diesjähriger Teilnehmer des Jazz Migration Projekts von Afijma, und das Trio Humair/Malaby/Kühn bewiesen, dass der Austausch zwischen den Festivals funktioniert, bestimmte Projekte werden empfohlen an die Mitglieder von Afijma, und sind dann auch quer durch Frankreich zu hören allerdings nach der freien Entscheidung des jeweiligen Festivalmachers, eine der Grundbedingungen dieser Gemeinschaft.
Höhe- und Schlusspunkt war das Barry Guy New Orchestra, das so unglaublich kompakt, packend und perfekt spielte, dass man glaubte, nun mindestens eine Woche keine Musik mehr hören zu können oder müssen.
Diese beiden Beispiele machten deutlich, wie man heute in einer Medien bestimmten, oft populär und oberflächlich orientierten Kulturwelt aktuelle und hochwertige/anspruchsvolle Musik präsentieren kann, das Publikum die Säle füllt und die Medien berichten. Glückliches Frankreich! 
 
Hans-Jürgen von Osterhausen - Jazzpodium